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2021-08-05
Rhein-Kilometrierung    Teil 5             IX    Copyright             Teil 1   Teil 2   Teil 3   Teil 4


Myriametersteine                                                                                       Kommentare sind willkommen.


Im fünften Teil der Blog-Beiträge zur Rhein-Kilometrierung soll die Geschichte der Myriametersteine entlang der Rheinufer behandelt werden. Eine kurze Zusammenfassung gab es schon in Teil 3 (Blog # 8).

Die Vorsilbe myria- steht für  10000 .  Myriametersteine findet man also im Abstand von  10 km ,  jeweils einander gegenüberstehend an beiden Rheinufern. Sie stehen zwischen der deutsch-schweizerischen und der deutsch-niederländischen Grenze und sind durchgehend nummeriert von  1 - 69  –  denn die Länge des deutschen Anteils am Rhein beträgt etwa  690 km .  Die Myriametersteine findet man also nur in Deutschland und in Frankreich.

Mit den Myriametersteinen wurde erstmalig eine durchgehende Längenmarkierung für den Rhein zwischen der Schweizer und der niederländischen Grenze vorgenommen, die vor allem der Schifffahrt und dem Handel dienen und vereinheitlichte Zollbestimmungen ermöglichen sollte.

Die Setzung der Myriametersteine geht zurück auf einen Beschluss der Central-Commission für die Rheinschiffahrt aus dem Jahr 1867. Diese Kommission war 1815 von den Rheinanliegerstaaten Baden, Frankreich, Bayern (für die Pfalz), Hessen, Nassau, Preußen und Niederlande gegründet worden. Nassau war 1866 an Preußen gefallen und nahm deshalb nicht mehr teil. Die Steine auf dem heutigen französischen Rheinufer wurden erst nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 aufgestellt und tragen deshalb deutsche Inschriften (Elsass-Lothringen war von 1871 bis 1918 ein deutsches "Reichsland"). Die Teilnahme der Niederlande an diesem Projekt ist fraglich, da sich dort keine Myriametersteine auffinden lassen. So blieben wohl nur Baden, Elsass-Lothringen, Bayern, Hessen und Preußen als Verantwortliche für die Setzung der Steine übrig. Eine Karte mit den damaligen Grenzen der Länder findet man in Teil 2 (Blog # 7). Es ist bemerkenswert, dass sich die zuständigen Staaten zu einer einmütigen Zusammenarbeit bereitfanden und gemeinsam ein einheitliches Vermessungswerk schufen. Schon bei der folgenden Neuvermessung des Rheins ab 1883 war die Einmütigkeit dahin, was man bis heute an der aktuellen Rheinkilometrierung mit drei "kurzen Kilometern" besichtigen kann, siehe Teil 2 (Blog # 7).

Bild 1 zeigt einen ausgesprochenen Glücksfall für den Erhaltungszustand eines Myriametersteins; so schöne Exemplare findet man heute leider nur noch selten.


XIX

Bild 1   Myriameterstein  XIX (19) am linken Rheinufer in der pfälzischen Gemeinde Neuburg (Verbandsgemeinde Hagenbach)
Bild 1   von links nach rechts:   Wasserseite   Bergseite (Südseite)   Talseite (Nordseite)   Landseite                                      Copyright

Bild 1 zeigt ein typisches Beispiel für Myriametersteine in der ursprünglichen Form. Sie waren im Regelfall quaderförmig,  50 cm  breit,  50 cm  tief, ca. 80 cm  hoch (schwankt) mit einer flachen pyramidalen Spitze, und standen auf einem breiteren Sockel.

Wasserseite:   Nr. des Steins in römischen Ziffern, hier  XIX .  Höhe über dem Amsterdamer Pegel mit waagerechtem Pegelstrich, hier  107,803 M +AP ( M  steht für  Meter).

Bergseite:   Entfernung zur Landesgrenze nach Süden, hier  0,434 M. (zur Grenze Elsass-Lothringen / Pfalz (bayr.);  M. steht für  Myriameter , die Grenze ist also  4,34 km  entfernt).

Talseite:   Entfernung zur Landesgrenze nach Norden, hier  8,137 M. (zur Grenze Pfalz / Hessen, die Grenze ist also  81,37 km  entfernt).

Landseite:   Entfernung zur mittleren Baseler Brücke, entspricht immer der Stein-Nummer, hier  19,000 M.(19 Myriameter = 190 km).  -  Entfernung nach Rotterdam, hier  63,445 M.(= 634,45 km).

Von diesem Standard gibt es etliche Abweichungen, siehe z.B. Bild 2 in Teil 2 (Blog # 7). Insbesondere können Beschriftungen auf einzelnen Seiten der Steine fehlen. Ich antworte gern auf Mails mit Kommentaren oder Nachfragen zu bestimmten Steinen.


Das Schicksal der Myriametersteine

Die Myriametersteine sind mittlerweile ca. 150 Jahre alt. Leider wurden sie fast überall sehr vernachlässigt oder misshandelt. Bei der folgenden Aufzählung sind die Nummern in Klammern nur Beispiele, in Wirklichkeit gibt es deutlich mehr Untaten.

Was den Steinen alles widerfahren ist: Sie wurden vernichtet (34 re.), verschleppt (68 li.), versetzt (49 li.), verdreht (59 re.), bei der "Restaurierung" verfälscht (50 re.), mit Grafitti besprüht (35 re.),  (fehlerhaft) einer Neuvermessung angepasst (29 re.).  -  Schon bei der Aufstellung waren einige Steine unvollständig (36 re.) oder fehlerhaft (9 li.) beschriftet. Viele sind seitdem zerbrochen (66 re.), umgefallen (9 li.), eingesunken (33 re.) oder durch Verwitterung unleserlich geworden (49 re.).

Bemerkenswert ist das "hessische Massaker" (meine Formulierung; ist natürlich nicht ganz ernst gemeint). Auf dem Gebiet des ehemaligen Großherzogtums (und späteren Volksstaats) Hessen, das beide Rheinufer auf einer längeren Strecke umschloss (im Gegensatz zum heutigen Bundesland Hessen), wurden zahlreiche historische Gravuren auf den Myriametersteinen  27  bis  32  abgefräst. Statt der Entfernungen nach Basel wurden die Entfernungen nach Konstanz eingraviert, und das teilweise noch fehlerhaft (siehe Bild 2). Dies kann erst nach der Neueinmessung von 1939 stattgefunden haben und erscheint nicht nur als Frevel an Denkmalen, sondern auch als besonders sinnlos, da ja die Entfernung von Konstanz schon auf den 1939 an gleicher Stelle aufgestellten km-Tafeln angegeben wird.  –  Außerdem sind die anderen Seitenflächen der Steine weitgehend kahl, erst ab Stein  32  findet man wieder einigermaßen lückenlos die Entfernungen zu den Landesgrenzen.


XXVIII

Bild 2   Myriameterstein  XXVIII (28) am rechten Rheinufer auf der Maulbeeraue bei Biblis-Nordheim, links Wasserseite, rechts Landseite      Copyright
Bild 2   Auf der Wasserseite zeigt  447  die Entfernung in  km  nach Konstanz an; die gleiche Zahl steht auf den modernen Tafeln oben im rechten Bild und auf dem gegenüberliegenden Ufer.
Bild 2   Auf der Landseite steht eine falsche Entfernung.
Bild 2   Alle anderen Angaben fehlen: Stein-Nr., Pegel, Entfernungen zu den Landesgrenzen und nach Rotterdam. Der Pegelknopf auf der Spitze ist immerhin noch erhalten, aber er ist wertlos ohne die Höhenangabe.


Anzahl der Myriametersteine

Zwischen der nördlichen Stadtgrenze von Basel und der deutsch-niederländischen Grenze wurden  137  oder  138  Myriametersteine aufgestellt. Es fängt schon nicht gut an: die beiden Steine mit der Nummer  I  wurden offenbar bisher nicht aufgefunden. Im weiteren Verlauf scheinen ca. 50  Steine verloren gegangen zu sein. Der letzte bekannte Myriameterstein mit der höchsten Nummer (68 links) steht nicht mehr an seinem Platz, wird aber noch aufbewahrt. Die Steine  68 rechts  und  69 links  sind bisher nicht auffindbar. Ob es einen Stein  69 rechts  gegeben hat, ist unklar; dies liegt an den preußischen Entfernungsangaben zur niederländischen Grenze und wird weiter unten noch erläutert.

Am nördlichen Niederrhein findet man nur sehr wenige Steine, die noch an ihrem Ursprungsort stehen und unverfälschte Inschriften tragen. Wahrscheinlich ist der Stein  62 links  in Duisburg-Baerl der letzte, der einen Besuch wirklich lohnt (auf ihm fehlt nur die Pegelhöhe).


Längenmaße; Entfernungen nach Basel / Konstanz / Rotterdam

Ein wesentliches Element der erfolgreichen Kooperation der Rheinanliegerstaaten war die einheitliche Anwendung des Meters als Längenmaß. Noch bis 1871 war der Fuß eine gängige Maßeinheit; er hatte unterschiedliche Längen in den einzelnen deutschen Staaten. Allerdings gab es seit ca. 1810 einen Kompromiss zwischen den alten und den neuen Maßen, der u.a. auf Johann Gottfried Tulla zurückging. Er hatte im Vorfeld der Arbeiten zur Begradigung des Oberrheins erreicht, dass Baden die Länge der Ruthe neu festlegte, und zwar zu  300 cm ,  und die Länge des Fuß zu  30 cm ,  also kompatibel zum metrischen System. Hessen hatte ähnlich gehandelt, dort war allerdings der neu festgelegte Fuß nur  25 cm  lang. Der Maße-Kompromiss hatte in der Central-Commission für die Rheinschiffahrt die Einigung auf die Anwendung des Meters bei den Vermessungsarbeiten erleichtert, die der Aufstellung der Myriametersteine vorausgegangen waren.

Die auf den Myriametersteinen angegebenen Entfernungen von Basel entsprechen der Stein-Nr., wenn man die hessischen und preußischen Angaben in Myriameter umrechnet. Wie diese Entfernungsangaben mit der heutigen Kilometrierung harmonieren, werden wir in den nächsten Abschnitten sehen. Wie schon erwähnt, wurden auf ehemals hessischem Gebiet bei zahlreichen Steinen die Entfernungen von Basel entfernt und (teilweise fehlerhaft) durch die Entfernungen von Konstanz ersetzt (siehe Bild 2).

Die Entfernung nach Rotterdam (umgerechnet in Myriameter) wird auf fast allen Steinen mit  ..,445  angegeben und wurde vermutlich entlang der niederländischen Waal gemessen. Die (sehr wenigen) Ausnahmen können evtl. darin begründet liegen, dass es verschiedene Wasserwege nach Rotterdam gibt, siehe Teil 4 (Blog # 9).


Pegel

Die Pegelhöhe wird auf allen Myriametersteinen in Metern angegeben. Häufig findet man einen Metallknopf anstelle des Pegelstrichs. Gemessen wurde die Höhe des Pegelstrichs oder des Pegelknopfs über dem Nullniveau des Amsterdamer Pegels; diese Angabe wurde später als Höhe über Normal-Null (Höhe ü. NN) übernommen. Am Niederrhein sind die Pegelangaben mit wachsender Stein-Nr. nicht überall monoton fallend; dies könnte u.a. an unterschiedlichen Deichhöhen liegen. Die Pegelhöhe fehlt (heute) auf vielen Myriametersteinen.


Standorte der Myriametersteine; Entfernungen zu den Landesgrenzen

Zum Auffinden der Myriametersteine ist es hilfreich, wenn man deren Positionen in der heutigen Rhein-Kilometrierung kennt. Wegen der "kurzen Kilometer" sind diese Positionen nur innerhalb der früheren Rheinanliegerstaaten annähernd äquidistant (nämlich alle  10 km ,  falls sie nicht versetzt wurden), aber zwischen den Staaten verschieden. Anhand der Tabelle weiter unten kann man die Positionen leicht errechnen. Sie sollen vorab kurz zusammengefasst werden:

Baden, Elsass, Pfalz   ~..6,5
Hessen   ..7
Preußen   ..7,475 
     (Rheingau   ~..7)

Die Ungenauigkeiten (Baden, Elsass, Pfalz, Rheingau) werden unten bei "Wie ging es weiter?" erklärt. Exakte Positionen (auch der versetzten Steine) findet man bei Wikipedia.

Außer den Positionen gibt die Tabelle die Entfernungen zu den Landesgrenzen an. Dabei handelt es sich um die Rekonstruktion der historischen Beschriftungen der Myriametersteine; viele dieser Beschriftungen sind heute nicht mehr lesbar. Es gibt auch einzelne Abweichungen von den korrekten Werten, die unter der Tabelle erläutert werden; die Tabelle dient also auch der einfacheren Identifizierung dieser Abweichungen.  -  Die Tabelle ist von unten nach oben zu lesen, entsprechend dem Flusslauf von Süden nach Norden.

                                   Landesgrenze                                                   Landesgrenze
Stein Nr.  Standort li.       bergwärts    talwärts           Stein Nr.  Standort re.        bergwärts    talwärts


LXIX   69 857,475 Griethausen 327,78 km    4,464 km           LXIX   69         Hüthum  ??
...                                    ...                    LXVIII 68 847,475 Dornick     345,227 km    6,703 km
...                                    ...                    ...                                     ...
Preußen                                ...                    Preußen                                 ...
...                                    ...                    ...                                     ...
XXXVII 37 537,475 Trechtingsh'n 7,78 km  324,464 km          XXXVII 37 537,475 Lorch        35,227 km  316,703 km
---------------------------------------------------         
kurzer km
XXXVI  36 527     Bingen        88600 m    2133 m             XXXVI  36 527,03  Rüdesheim    25,227 km  326,703 km
...                                    ...                   XXXV   35 516,998 Oestrich     15,227 km  336,703 km
...                                    ...                    XXXIV  34 ~507    Walluf        5,227 km  346,703 km
...                                    ...              R     ----------------------------------------------------
Hessen                                 ...              H     XXXIII 33 497     Kostheim       59971 m    4941 m
...                                    ...              E     ...                                     ...
...                                    ...              I     Hessen                                  ...
...                                    ...              N     ...                                     ...
XXVIII 28 447     Worms Ind.geb. 8600 m   82133 m             XXVIII 28 447     Nordheim        9971 m   54941 m
---------------------------------------------------          ----------------------------------------------------
XXVII  27 436,635
 / 437 Roxheim  8,434 M   0,137 M             XXVII  27 436,635 / 437 Lampertheim  Grenze  64941 m
...                                    ...                  
kurzer km  ---------------------------------------------
Pfalz                                  ...                   XXVI   26 ~426,5  Mannheim      25,652 M   1,0072 M
...                                    ...                    ...                                     ...
XIX    19 ~356,45 Neuburg       0,434 M   8,137 M             ...                                     ...
---------------------------------------------------           ...                                     ...
XVIII  18 ~346,5  Mothern          
  badische M                   ...                                     ...
...                                    ...                    Baden                                   ...
XII    12 ~286,5  Rohrschollen 11,815 M   6,556 M             ...                                     ...
...                                    ...                    ...                                     ...
Elsass Lothringen                      ...                    ...                                     ...
...                                    ...                    ...                                     ...
I       1 ~176,5  Rosenau       0,815 M  17,556 M             I       1 ~176,5  Märkt          0,652 M  26,0072 M


Legende zur Tabelle:
    M = Myriameter
    "badische  M" :  Im Elsass wurden die Myriametersteine nahe der Grenze zur Pfalz mit den Angaben der rechten Rheinseite beschriftet (Beispiel: Stein  Nr. 17 ).
    Zu den "kurzen km"  siehe Teil 2 = Blog # 7.


Die Tabelle zeigt die Entfernungen zu den Landesgrenzen in der ursprünglichen Planung. Einige Myriametersteine weisen aber (teils unerklärliche) Abweichungen auf. Auf einer Handvoll von Steinen sieht man kleinere "Schreibfehler", die hier nicht im einzelnen aufgeführt werden sollen. Die interessanteren Fälle sind die folgenden:

Fehler und Merkwürdigkeiten 1  -  Falsche Rheinseite

In der Legende wurde schon erwähnt, dass im Norden des Elsass die letzten Steine vor der Grenze zur Pfalz die badischen Entfernungsangaben von der gegenüberliegenden rechten Rheinseite tragen. Wieviele Steine davon betroffen sind, ist unbekannt, da viele Steine in dieser Region verschollen sind. Kaum lesbar, aber von Deutsche Leuchtfeuer dokumentiert, ist diese Kuriosität nur an den Steinen  17  und  18  anzutreffen.

Auf preußischem Gebiet stehen drei Myriametersteine mit Entfernungsangaben, die zur anderen Rheinseite gehören:

Nr. 48 re. trägt die linksseitige bergseitige Entfernung  117,180 km ,  die außerdem noch fehlerhaft ist, richtig wäre  117,780 km  (siehe Bild 3 links).

Nr. 51 re. trägt die linksseitige talseitige Entfernung  184,404 km  und die linksseitige bergseitige Entfernung  147,708 km ,  die außerdem noch fehlerhaft sind, richtig wären  184,464 km  (aber gleicher Fehler auf der anderen Rheinseite, siehe Beschreibung auf Deutsche Leuchtfeuer) und  147,780 km  (siehe Zeitungsartikel, möglicherweise handelt es sich bei  147,708  nur um einen Zahlendreher im Artikel).

Nr. 55 li. trägt die rechtsseitige talseitige Entfernung  136,703 km  und die rechtsseitige bergseitige Entfernung  225,227 km ,  die außerdem noch fehlerhaft ist, richtig wäre  215,227 km  (die Herkunft dieser Daten in Deutsche Leuchtfeuer ist unbekannt, da die Gravuren auf dem Stein nicht mehr lesbar sind).


XLVIII  XLVIII  XLIII

Bild 3   links: Myriameterstein  XLVIII (48) am rechten Rheinufer in Niederdollendorf, Bergseite und Landseite      Copyright
Bild 3   Mitte: Myriameterstein  XLVIII (48) am rechten Rheinufer in Niederdollendorf, Landseite und Talseite      Copyright
Bild 3   rechts: Myriameterstein  XLIII (43) am linken Rheinufer in Koblenz-Kesselheim, Wasserseite und Talseite      Copyright


Fehler und Merkwürdigkeiten 2  -  Preußische Nordgrenze

Die Grenze zu den Niederlanden liegt linksrheinisch bei  km 865,515  und rechtsrheinisch bei  km 857,7 .  Auf  7,815 km  verläuft die Grenze durch die Strommitte. Die Extrapolation der Angaben auf den Myriametersteinen würde Grenzen bei  km 861,939  bzw. km 854,178  ergeben. Für die preußischen Myriametersteine wurden also die Landesgrenzen zu den Niederlanden um etwas mehr als  3,5 km  "zurückverlegt".

Auch hier fallen zwei Steine aus der Rolle. Auf dem oben schon erwähnten Stein Nr. 48 re. gibt es eine weitere Abweichung: Statt der zu erwartenden Entfernung  206,703 km  zur niederländischen Grenze liest man  209,000 km  (siehe Bild 3 Mitte). Das ist immerhin etwas näher an der tatsächlichen Grenze. Ein weiterer Stein ist offenbar in jüngerer Zeit nachbearbeitet (und verfälscht) worden: Nr. 43 li. trägt die stümperhafte Aufschrift  "268,100 K.M. bis zur BundesGrenze" (siehe Bild 3 rechts); die Bundesgrenze müsste demnach bei  km 865,575  liegen, was ziemlich genau stimmt.


Wie ging es weiter?

Neuvermessungen des Rheins fanden 1883 - 1890 und 1902 - 1910 statt. Es ist nur schwer nachzuvollziehen, dass bei diesen Vermessungen  -  anders als bei den Myriametersteinen  -  landesspezifische Nullpunkte gewählt wurden, so dass an jeder Landesgrenze ein Bruch in der Kontinuität der km-Angaben auftrat, siehe Teil 2 (Blog # 7). Die Neuvermessungen wurden für die Rheinanlieger und vor allem für die Schifffahrt deutlich sichtbar gemacht: Erstmals wurden gut sichtbar große km-Tafeln und kleine Hektometertafeln entlang beider Ufer aufgestellt, ergänzt durch Bodenmarkierungen, siehe Teil 1 (Blog # 6). Wegen der Uneinheitlichkeit zwischen den Rheinanliegerstaaten musste man hinnehmen, dass die km-Tafeln in der Pfalz nicht denen in Baden, und die km-Tafeln im preußischen Rheingau nicht denen im linksrheinischen Hessen (Rheinhessen) gegenüberstanden. In dieser Hinsicht kann man von einem politisch bedingten Rückschritt gegenüber den Myriametersteinen sprechen.

Die bisher letzte Neuerung bei der Rhein-Kilometrierung wurde 1939 vorgenommen. Von Konstanz bis zur Rheinmündung wurde eine durchgehende Zählung eingeführt. Da man so weitgehend wie möglich die bereits vorhandene Beschilderung erhalten wollte, wurden die km-Tafeln mit neuen Zahlen übermalt; an drei Stellen führte das zu "kurzen Kilometern", siehe Teil 2 (Blog # 7). Nur in der Pfalz und im Rheingau wurde die alte Beschilderung aufgegeben und die Kilometrierung der gegenüberliegenden Rheinseite (Baden bzw. Hessen) übernommen.

Die Standorte der Myriametersteine gemäß der heutigen Ausschilderung gehen also letztlich auf die Vermessungen 1902 - 1910 zurück, mit Ausnahme der Pfalz und des Rheingaus, wo 1939 eine Neuvermessung vorgenommen wurde.

Entlang mehr als 60% der deutschen Rheinstrecke, nämlich in den ehemaligen Staaten Hessen und Preußen (mit Ausnahme des Rheingaus), stellt man erstaunt fest, dass die Neuvermessung in den Jahren 1902 - 1910 keinerlei Unterschiede zu der Vermessung erkennen lässt, die der Aufstellung der Myriametersteine vorausging.  –  Für das ehemalige Gebiet des Großherzogtums Hessen hat das eine besondere Bedeutung: Hessen hatte als einziger Staat die mittlere Baseler Brücke als Nullpunkt gewählt, die auch als Nullpunkt für die Myriametersteine festgelegt worden war. Deshalb stehen dort (im ehemaligen Großherzogtum) bis heute die Myriametersteine exakt an den Kilometertafeln. Bis 1939 stimmten sogar die km-Angaben auf Steinen und Tafeln überein.  –  Auf preußischem Gebiet ab der linksrheinischen Grenze zum Großherzogtum Hessen stehen die Myriametersteine beidseitig ebenfalls im Abstand von  10 km  nach heutiger Kilometrierung. Wegen des "kurzen Kilometers" an dieser Grenze findet man sie um  475 m  versetzt zu den Kilometertafeln (siehe oben unter "Standorte der Myriametersteine").

Im Rheingau ist es kompliziert; dort wurde dreimal gemessen: Für die Myriametersteine, dann 1902 - 1910, erneut 1939, wobei letztere Messung lediglich die Hektometerpunkte des gegenüberliegenden Ufers übernahm. Bild 7 in Teil 3 (Blog 8) zeigt, dass alle drei Messungen verschiedene Ergebnisse hatten. Die beiden noch vorhandenen Rheingauer Myriametersteine mit den Nrn. 35  und  36  stehen aber recht nahe an den km-Tafeln  517  und  527 .

Es bleibt nur noch Baden zu betrachten (denn im Elsass orientierten sich alle Vermessungen an Baden, und in der Pfalz war das 1939 der Fall, als dort die alte Landesvermessung aufgegeben wurde). Als Nullpunkt für die Myriametersteine wurde die Alte (heute mittlere) Baseler Brücke beim heutigen  km 166,64  festgelegt. Demnach sollten eigentlich oberhalb des "kurzen Kilometers" an der badisch-hessischen Grenze die Myriametersteine  1 - 27  an den heutigen Positionen  ..6,64  stehen. Aber offenbar differierten dort die Vermessungen für die Steine um bis zu  200 m  gegenüber den Vermessungen 1902 - 1910. Über weite Strecken findet man (ungefähre) Positionen  ..6,45  und  ..6,5 .  Möglicherweise liegt das daran, dass in Baden nicht der Talweg des Rheins, sondern das rechte Ufer vermessen wurde. Außerdem ist bei vielen Steinen unklar, ob sie noch an ihrem Ursprungsort stehen.  –  Erst an der Grenze zu Hessen harmoniert die Position des Steins  XXVII (27)  beim modernen  km 436,635  wieder mit der Entfernung von Basel.

Auch die Aufsummierung der Rheinstrecken in den ehemaligen deutschen Rheinanliegerstaaten nach den Angaben auf den Myriametersteinen (siehe Tabelle weiter oben) zeigt, dass man sich die Neuvermessungen (und damit die "kurzen km") hätte sparen können. Sie unterscheidet sich nämlich von der Länge des deutschen Rheins gemäß der heutigen Ausschilderung nur marginal: Linksrheinisch (unter Einbeziehung des elsässischen Ufers) um  -302 m (-0,044 %),  rechtsrheinisch um  96 m (0,014 %).



Bilder der Myriametersteine bei Wikipedia Commons


Kategorie: Geomathematik                    Kommentare sind willkommen.


Copyright für die Bilder: ChrisWt   Creative Commons BY 3.0
Quellen und Autor:
   
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   Bild 1:    
Wasserseite    Bergseite    Talseite    Landseite
   Bild 2:    Wasserseite    Landseite
   Bild 3:    Berg-/Landseite    Land-/Talseite    Wasser-/Talseite  (alle bearbeitet)

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