Manfred Börgens
Mathematik auf Briefmarken  # 110
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Polen 2009  Michel 4443                                St. Helena 2005  Michel 933



Codebreakers

Auf den beiden Briefmarken sehen wir vier Mathematiker. Sie haben entscheidend zur Entschlüsselung geheimer und kriegswichtiger Nachrichten beigetragen, die im Zweiten Weltkrieg vom deutschen Militär mit der Enigma und der Lorenz-Maschine verschlüsselt wurden. Auf beiden Marken sind Enigmas abgebildet.


Enigma und Bomba/Bombe

Die Verschlüsselung von Nachrichten wurde im 20. Jahrhundert zunehmend durch Maschinen unterstützt. Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist die Enigma, die 1918 von Arthur Scherbius zum Patent angemeldet und zunächst für zivile Zwecke verwendet wurde. Ab 1926 wurde sie in Deutschland militärisch genutzt. Im Zweiten Weltkrieg wurden (geschätzt) 40.000 Stück der Maschine in verschiedenen Varianten in den einzelnen Truppenteilen zur Kommunikation eingesetzt.

Schon der Verlauf des Ersten Weltkriegs war durch die erfolgreiche Entschlüsselung des kryptographischen Militär-Nachrichtenverkehrs beeinflusst worden. Aus diesem Grunde erfuhr die technisch unterstützte Kryptographie schon in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg höchste Aufmerksamkeit  -  auf deutscher Seite u.a. durch den Einsatz der Enigma und ihre zahlreichen Verbesserungen im Laufe des Krieges; in Polen, Großbritannien, Frankreich und den USA u.a. durch Versuche, die Enigma zu "knacken".

Die drei auf der linken Briefmarke abgebildeten polnischen Mathematiker haben entscheidende mathematische und technische Grundlagenarbeiten durchgeführt, die zur Entschlüsselung der Enigma-Kryptogramme geführt haben. Die technische Unterstützung lieferte die von ihnen konzipierte elektromechanische Maschine Bomba. 1939 übergaben die polnischen Kryptologen ihre mathematischen Ausarbeitungen und ihre Konstruktionsdokumente an britische und französische Kollegen. In Bletchley Park in England, wo die militärische Zentrale für die Entzifferung des deutschen Nachrichtenverkehrs untergebracht war, waren die polnischen Unterlagen hochwillkommen und gaben sofort den Anstoß für die Weiterentwicklung der Techniken zur Enigma-Entschlüsselung. Dort wurde die Bombe gebaut, die den gleichen Zweck wie die Bomba verfolgte, aber flexibler konstruiert war. Sowohl in Polen als auch danach in England war der Bau der Entschlüsselungsmaschinen ein Wettlauf mit der Zeit, da die Wehrmacht die Enigma mehrfach verbesserte, was auf der gegnerischen Seite jeweils (möglichst schnelle) technische Änderungen erforderlich machte.


Lorenz-Maschine und Colossus

Die Wehrmacht benutzte ab 1941 neben der Enigma eine weiteres kryptographisches Gerät, die Lorenz-Maschine. Sie wurde vornehmlich für die Verschlüsselung des Fernschreibverkehrs zwischen ranghohen Dienststellen verwendet. Im Gegensatz zur Enigma war sie ortsfest (wegen ihres Gewichts), konnte aber Nachrichten deutlich schneller übertragen. Sender und Empfänger mussten nur mit dem Klartext umgehen; die Ver- und Entschlüsselung übernahm vollständig die Maschine.

Um die Lorenz-Maschine zu "knacken", bauten die Codebreaker in Bletchley Park den Röhren-Computer Colossus , der ab Ende 1943 einsatzbereit war. Er wurde von Max Newman und Thomas Flowers konstruiert und spielt in der Geschichte der Informatik eine Pionierrolle als der erste elektronische digitale Computer; seine Programmierung erfolgte durch Schalter und Stecker. An der erfolgreichen Entschlüsselung der Lorenz-Nachrichten waren insbesondere der Soldat John Tiltman, der Mathematiker William Tutte und der spätere Biologe und Informatiker Donald Michie entscheidend beteiligt.

Der Bau der Colossus wurde in Großbritannien mit der nachfolgenden Briefmarke gewürdigt:

Colossus

Großbritannien 2015  Michel 3697

Alle Exemplare der Colossus wurden nach dem Krieg vernichtet. Es gibt aber eine Fotographie des Computers:

Colossus Wrens



Marian Rejewski (1905 - 1980)

Der "Kopf" der polnischen Kryptologen, die ganz oben auf der linken Briefmarke zu sehen sind, war Marian Rejewski. Er studierte ab 1923 Mathematik an der Universität Posen und ab 1929 Versicherungsmathematik an der Universität Göttingen. Ab Juli 1928 besuchte er einen geheimen Kryptographie-Kurs seiner Universität für ausgewählte Studenten. 1930 kehrte er als Assistent nach Posen zurück. Parallel dazu arbeitete er bis 1932 für die Posener Kryptologie-Abteilung des polnischen Geheimdienstes, und ab dann in Vollzeit in der Warschauer Geheimdienst-Zentrale.

Rejewski bildete mit den Mathematikern Jerzy Rozycki und Henryk Zygalski ein Team zur Analyse der Enigma. Schon frühzeitig stellten sich Erfolge bei der Entschlüsselung abgehörter deutscher Nachrichten ein. Bis 1938 hatten die drei Mathematiker die theoretischen Prinzipien der Enigma verstanden und die Bomba für die Entschlüsselung konstruiert. Diese Maschine diente jedoch nur kurze Zeit ihrem Zweck, da die Wehrmacht die Enigma konstruktiv änderte und komplexer machte.

Historiker sind sich weitgehend einig darin, dass ein Geheimtreffen der polnischen Kryptanalysten mit britischen und französischen Kollegen kurz vor Kriegsausbruch den Verlauf des Zweiten Weltkriegs entscheidend beeinflusste. Bei diesem Treffen zeigte sich, dass die Polen einen erheblichen Vorsprung bei der mathematischen und technischen Analyse der Enigma hatten. Sie gaben ihre Kenntnisse und Unterlagen an die britische und französische Seite weiter, zusammen mit je einem Nachbau der Enigma.

Vor Kriegsbeginn wurden Marian Rejewski und seine Kollegen aus Polen evakuiert. Es begann eine abenteuerliche Flucht durch Europa. Über Rumänien gelangten sie nach Italien und weiter nach Frankreich, wo sie ihre Arbeit zusammen mit französischen Kollegen wieder aufnehmen konnten und erneut Enigma-Nachrichten dekodierten. Kurz nach der deutschen Invasion in Frankreich im Mai 1940 flohen die polnischen Mathematiker nach Algerien, kehrten aber bald unter falschen Identitäten nach Vichy-Frankreich zurück. Rozycki starb 1942 bei einem Schiffsunglück. Kurz vor ihrer Entdeckung durch die Deutschen im November 1942 flohen Rejewski und Zygalski erneut und gelangten über zahlreiche Stationen in Südfrankreich zuerst nach Spanien, wo sie zeitweise inhaftiert wurden, und dann nach Portugal und Gibraltar.

Mit der britischen Luftwaffe wurden Rejewski und Zygalski im August 1943 nach England gebracht. Es ist aus heutiger Sicht nur schwer verständlich, dass die britischen Behörden die beiden polnischen Mathematiker nicht in der Codebreaker-Zentrale in Bletchley Park einsetzten. Rejewski schloss sich der polnischen Exilarmee an und nahm dort seine Arbeit als Kryptologe wieder auf.

1946 kehrte Rejewski zu seiner Familie in Polen zurück. Er verheimlichte seine Kenntnisse und Tätigkeiten vor und während des Krieges gegenüber den neuen polnischen Machthabern. Auch der polnische Geheimdienst fand nie etwas darüber heraus, war aber misstrauisch und machte Rejewski das Leben schwer. Er arbeitete nie mehr als Mathematiker oder Kryptologe.

Erst 1967 brach Rejewski sein Schweigen, und ab 1973 wurde sein Wirken im Weltkrieg der Öffentlichkeit bekannt. Es folgten zahlreiche Ehrungen in Anerkennung seiner Leistungen, die den Verlauf des Krieges entscheidend beeinflusst hatten. Marian Rejewski starb 1980.


Henryk Zygalski (1908 - 1978)

Henryk Zygalski studierte Mathematik an der Universität Posen und traf dort auf seine späteren Kryptologie-Kollegen Marian Rejewski und Jerzy Rozycki, mit denen er auch ab Juli 1928 den geheimen Kryptographie-Kurs besuchte. Bei ihrer gemeinsamen Arbeit für den Geheimdienst gelang Zygalski 1938 eine wichtige Erfindung. Er konzipierte spezielle Lochkarten, die Zygalski sheets, die zur Bestimmung der Walzeneinstellungen der Enigma verwendet wurden.

Bis Ende des Zweiten Weltkriegs blieben und arbeiteten Zygalski und Rejewski zusammen. Anders als Rejewski blieb Zygalski aber für den Rest seines Lebens in England und wurde Hochschullehrer, zuletzt an der University of Surrey. Auch er bewahrte Stillschweigen über seine Codebreaker-Tätigkeit im Krieg.


Jerzy Rozycki (1909 - 1942)

Jerzy Rozycki studierte Mathematik an der Universität Posen und traf dort auf seine späteren Kryptologie-Kollegen Marian Rejewski und Henryk Zygalski, mit denen er auch ab Juli 1928 den geheimen Kryptographie-Kurs besuchte. Bei ihrer gemeinsamen Arbeit für den Geheimdienst gelang Rozycki die Erfindung der Uhrenmethode, mit deren Hilfe es in vielen Fällen gelang herauszufinden, welche der Enigma-Walzen an der rechten Außenposition als "schnelle" Walze betrieben wurde, d.h. als die Walze, die bei jeder Tastatureingabe rotiert. Rozyckis Idee wurde später in Bletchley Park erfolgreich zum Banburismus weiterentwickelt.


Alan Turing (1912 - 1954)

Der persönliche und wissenschaftliche Lebensweg des englischen Mathematikers Alan Turing und sein Einsatz als Codebreaker in Bletchley Park während des Krieges wurden bereits mit der Briefmarke # 48 beschrieben.

Die Vorgeschichte der Enigma-Entschlüsselung durch polnische Mathematiker wurde in den vorigen Abschnitten dargestellt. Turing und sein Kollege William G. Welchman bauten die erste voll betriebsfähige Bombe Mitte August 1940. Diese Maschine konnte zunächst den Nachrichtenverkehr der deutschen Luftwaffe decodieren. Die Enigmas der deutschen Marine hatten eine komplexere Struktur. Dass auch die Nachrichten, die durch diese Maschinen verschlüsselt übertragen wurden, ab 1941 in Bletchley Park gelesen werden konnten, wurde durch drei Faktoren ermöglicht: Die Bombe-Computer wurden weiterentwickelt und in großer Stückzahl gebaut und eingesetzt, Turing wendete probabilistische Methoden (Banburismus) auf die Geheimtexte an, und die Alliierten erbeuteten Enigma-Maschinen, Codebücher und Klartexte.

Mit Turings probabilistischen Methoden wie bei der Enigma-Entschlüsselung sowie mit dem Bau von Colossus gelang dem Team in Bletchley-Park auch die Entschlüsselung der Lorenz-Chiffrierung.

Die Bedeutung der nachrichtendienstlichen Erkenntnisse durch die Codebreaker um Alan Turing für den Verlauf und den Ausgang des Zweiten Weltkriegs muss als sehr hoch eingeschätzt werden.

Bletchley

Großbritannien 2012  Michel 3219 und 3246
Auf der linken Briefmarke ist eine Bombe abgebildet.


Alan Turing gilt als einer der frühesten und hellsichtigsten Computerpioniere. Er hat außer seiner kryptographischen Arbeit im Krieg grundlegende theoretische Arbeiten zur Informatik und zur Künstlichen Intelligenz vorgelegt.


Publiziert 2020-01-19          Stand 2019-07-03


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